⁎ 13. Mai 1914 in Duisburg (D) | † 19. Juli 2005 in Brüssel
Irene Janetzky
Irene Janetzky war eine Rundfunkpionierin und die erste Stimme des deutschsprachigen Rundfunks in Belgien. Mit Mut, Tatkraft und großem Durchsetzungsvermögen baute sie ab 1945 ein zunächst bescheidenes Radioprogramm auf und legte damit den Grundstein für den heutigen Belgischen Rundfunk (BRF). Zugleich setzte sie sich in einer politisch schwierigen Zeit für den Erhalt der deutschen Sprache und die gesellschaftliche Einbindung der deutschsprachigen Bevölkerung in Belgien ein.
Irene Janetzky wurde am 13. Mai 1914 in Duisburg geboren. Ihr Vater, ein Hafeningenieur schlesischer Herkunft, fiel wenige Monate nach ihrer Geburt im Ersten Weltkrieg. Ihre Mutter stammte aus Bingen am Rhein und heiratete später den aus Elsenborn gebürtigen Lehrer und Historiker Bernhard Willems. Er wurde für Irene Janetzky zu einem wichtigen Mentor. Sie wuchs in Malmedy auf und besuchte dort das Königliche Athenäum. Aufenthalte in Eastbourne und Florenz ermöglichten ihr, Englisch und Italienisch zu lernen. Daneben sprach sie fließend Deutsch, Französisch und Niederländisch.
Aus ihrer Ehe mit dem belgischen Offizier Françis Vanhaeverbeke gingen zwei Söhne hervor. Nach der Scheidung musste Irene Janetzky beruflich und privat vieles allein bewältigen. Im Sommer 1945 erfuhr sie, dass das damalige Institut National de Radiodiffusion (INR) eine deutschsprachige Radiosprecherin suchte. Am 6. August 1945 reichte sie ihre handschriftliche Bewerbung ein und setzte sich im Auswahlverfahren gegen mehrere Mitbewerber durch. Ihr Stiefvater musste ihren Arbeitsvertrag unterzeichnen, da Frauen in Belgien zu dieser Zeit noch nicht uneingeschränkt selbstständig Verträge abschließen durften.
Am 1. Oktober 1945 ging die 31-Jährige im Brüsseler Funkhaus am Flagey-Platz erstmals auf Sendung. Die Anfänge waren bescheiden: Irene Janetzky übersetzte und sprach die Nachrichten, verfasste Chroniken, wählte die Musik aus und organisierte den gesamten Ablauf weitgehend allein. Bemerkenswert ist, dass sie 1946 über Parlamentswahlen berichtete, an denen sie selbst als Frau noch nicht teilnehmen durfte. Das allgemeine Frauenwahlrecht für die belgische Abgeordnetenkammer wurde erst 1948 eingeführt.
Aus einer täglichen halbstündigen Sendung entwickelte Irene Janetzky Schritt für Schritt ein vielfältigeres Programm. Sie gewann neue Mitarbeiter, erweiterte die Sendezeit und sorgte dafür, dass die Sendungen stärker in Ostbelgien verankert wurden. Als das deutschsprachige Programm 1954 aus finanziellen Gründen eingestellt werden sollte, wandte sie sich persönlich an den belgischen Premierminister Achille Van Acker und überzeugte ihn, die Entscheidung zurückzunehmen. Ihre Beharrlichkeit sicherte den Fortbestand des deutschsprachigen Rundfunks.
Irene Janetzky verstand den Rundfunk als Bindeglied zwischen Brüssel und den Ostkantonen. Gerade nach dem Zweiten Weltkrieg trug das Programm dazu bei, die deutschsprachige Bevölkerung enger an Belgien zu binden, ohne ihre sprachliche und kulturelle Identität aufzugeben. In ihrer journalistischen Arbeit achtete sie auf politische Ausgewogenheit und Unabhängigkeit.
Dank ihrer Vielsprachigkeit moderierte Irene Janetzky auch internationale Eurovisionssendungen. 1954 eröffnete sie eine Fernsehsendung in fünf Sprachen. Trotz attraktiver Angebote für eine Fernsehkarriere blieb sie dem deutschsprachigen Hörfunk treu. Unter ihrer Leitung entwickelte sich die kleine Sendung zu einer eigenständigen Rundfunkredaktion und später zum Belgischen Hör- und Fernsehzentrum (BHF). 1974 trat sie als Sendeleiterin in den Ruhestand. Drei Jahre später wurde aus dem Programm eine eigenständige Rundfunkanstalt und erhielt sie den Namen BRF.
Für ihre Verdienste wurde Irene Janetzky mehrfach ausgezeichnet. 1975 erhielt sie das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse. Sie starb am 19. Juli 2005 im Alter von 91 Jahren in Brüssel. Ihre letzte Ruhestätte befindet sich auf dem Friedhof von St. Vith. Im Jahr 2014 wurde anlässlich ihres 100. Geburtstages im ehemaligen Rundfunkgebäude am Flagey-Platz eine Gedenktafel zu ihren Ehren eingeweiht. Zum 80-jährigen Bestehen des BRF enthüllte der Sender 2025 eine Gedenktafel im Eupener Funkhaus.
Irene Janetzky behauptete sich in einer von Männern geprägten Berufswelt, übernahm Verantwortung und widersetzte sich politischen wie gesellschaftlichen Widerständen. Als Journalistin, Führungspersönlichkeit und alleinerziehende Mutter war sie ihrer Zeit voraus. Ihr Lebenswerk wirkt bis heute fort: Der Belgische Rundfunk und die selbstverständliche Präsenz der deutschen Sprache in der belgischen Medienlandschaft sind untrennbar mit ihrem Namen verbunden.
Quellen und Literatur:
Alain Kniebs: Irene Janetzky. 1914–2005. Ein Leben im Zeichen des Belgischen Rundfunks. Grenz-Echo Verlag, Eupen 2025.
BRF: „Die Pionierin Irene Janetzky“
ZOG: https://www.geschichte.be/irene-janetzky/
Bild: BRF-Archiv









