Tinette Homberg
* 16. September 1797 in Eupen | † 22. August 1877 in Düsseldorf
Maria Catherina Jacobe „Tinette“ Homberg entstammte einer wohlhabenden Eupener Kaufmannsfamilie, deren Tuchfabrik durch den Bankrott des Vaters im Jahr 1812 verloren ging. Was andere als Schicksalsschlag empfunden hätten, nahm Homberg als Anlass zur Selbstbestimmung: Sie ließ sich zur Lehrerin ausbilden und schlug damit einen Weg ein, den kaum eine Frau ihrer Herkunft damals wählte. Bereits als Kind hatte sie sich aus eigener Neigung weit mehr Wissen angeeignet, als es für Mädchen ihres Standes üblich war.
Als ihr Vater 1812 in Paris inhaftiert wurde, zeigte die erst 16-jährige Tinette Homberg außergewöhnlichen Mut: Allein reiste sie von Eupen nach Paris, um sich für seine Freilassung einzusetzen. Dort gelang es ihr, Zugang zu den höchsten gesellschaftlichen Kreisen zu finden – sogar bis zum Umfeld der Kaiserin Joséphine, der Ehefrau Napoleons. Für eine junge Frau ihrer Zeit war dies ein bemerkenswerter und ungewöhnlicher Schritt.
Von diesen Ereignissen zeugen Briefe und Dokumente, die später im sogenannten „Haus der Briefe“, dem heutigen Haus Küchenberg in Eupen, entdeckt wurden. Sie geben Einblick in den außergewöhnlichen Lebensweg einer jungen Eupenerin, die mit Entschlossenheit, Bildung und Selbstbewusstsein ihren eigenen Weg ging.
Von 1815 an wirkte sie neun Jahre in einem Mädcheninstitut, bevor sie als Erzieherin zu einer wohlhabenden Familie nach Holland ging. Mit deren Unterstützung gründete sie 1827 bei Emmerich und kurz darauf in Krefeld eigene Erziehungsanstalten. Sie leitete diese insgesamt neun Jahre, bis sie die Einrichtung 1835 aus finanziellen Gründen auflöste. In ihrer Pädagogik trat sie entschieden gegen die „Dressur“ junger Mädchen zu bloßen Gesellschaftsdamen auf: Sittliche Bildung, Tiefe des Charakters und körperliche Kräftigung durch Bewegung an frischer Luft galten ihr mehr als äußerer Glanz. In Anlehnung an die Methoden des Schweizer Pädagogen Pestalozzi forderte sie 1845, Waisenhäuser in familienähnliche Verhältnisse umzuwandeln, weg von lieblosen, überfüllten Einrichtungen.
Als Schriftstellerin entfaltete Homberg ab 1835 ein breites Werk. Sie schrieb über Erziehung, Ästhetik, griechische Mythologie und Literaturgeschichte, übersetzte aus dem Englischen und Schwedischen und hielt in Düsseldorf, Duisburg, Elberfeld und Aachen öffentliche Vorlesungen über Literatur und Ästhetik vor weiblichem Publikum. Ihr Zeitgenosse, der Pädagoge Adolph Diesterweg, rühmte ihre Naturkräftigkeit und edle deutsche Derbheit und verfasste das Vorwort zu einem ihrer Bücher.
In der Frauenfrage bezog Homberg eine gemäßigte, aber eigenständige Position. Die radikale Emanzipationsbewegung nach französischem Vorbild lehnte sie ab – Frauen sollten nicht zur Nachahmung des Mannes gedrängt werden. Zugleich aber forderte sie nachdrücklich, dass jede Frau durch gründliche Bildung und Berufsausbildung in der Lage sein müsse, sich im Notfall selbst zu erhalten. In ihrem Spätwerk definierte sie Glück nicht als äußeres Wohlergehen, sondern als inneren Frieden, erlangt durch Weisheit, Selbstbeherrschung und sittliches Streben. Den Pessimismus Schopenhauers wies sie scharf zurück. Tinette Homberg blieb zeitlebens unverheiratet.
Ausgewählte Werke von TInette Homberg:
Ueber die sogenannte Emancipation der Frauen 1839
Gedanken über Erziehung und Unterricht besonders des weiblichen Geschlechts 1845
Geschichte der schönen Literatur der Deutschen für Frauen 1853
Gedanken über das wahre Glück 1869
Auch noch ein Beitrag zur heutigen Frauenfrage 1872
Literatur:
Haus der Briefe, Alfred Küchenberg; GEV Verlag
Anruf und Antworten – Bedeutende Frauen aus dem Dreiländereck; Elisabeth Fischer-Holz (Hrsg.)
Quellen:
https://de.wikipedia.org/wiki/Tinette_Homberg
https://entities.oclc.org/worldcat/entity/E39PCjy4pyyDcQpQKrhCcP3qgq.html
https://de.wikisource.org/wiki/ADB:Homberg,_Tinette
https://www.deutsche-biographie.de/sfz33644.html#adbcontent
+ Infos und Aussagen aus den Büchern: „Frauenfrage“, „Gedanken über das wahre Glück“ und „Gedanken über Erziehung und Unterricht“.






