⁎ 15. März 1918 in Kerkrade (Niederlande) | † 1. September 1945 in Brüssel
Maria Kreuels
Maria Kreuels Leben war stark geprägt von einem frühen sozialen Engagement, ausgeprägten sprachlichen und musikalischen Fähigkeiten sowie einer aktiven Rolle im zivilen Widerstand gegen die nationalsozialistische Besatzung während des Zweiten Weltkriegs.
Nach dem Umzug ihrer Familie 1928 nach Kettenis in Ostbelgien engagierte sich Maria bereits als Jugendliche intensiv in der katholischen Jugend- und Pfadfinderbewegung. Gemeinsam mit ihrer Schwester Elvire Kreuels (1920–2004) trug sie maßgeblich zum Aufbau einer Pfadfinderinnen-Gruppe in Eupen bei und gilt als Mitbegründerin dieser Einheit. Sie übernahm zeitweise auch leitende Funktionen. Dieses Engagement stand für ihre starke soziale Verantwortung und ihr Interesse an Bildung, Gemeinschaft und christlich geprägter Jugendarbeit.
Parallel dazu entwickelte Maria früh eine besondere musikalische Begabung. Sie erhielt intensiven Geigenunterricht beim Eupener Musiker Leonard Niessen und bestand Prüfungen vor der „Jury supérieure de musique“ in Brüssel mit Auszeichnung. Ebenso bemerkenswert war ihre sprachliche Begabung: Sie erlernte und beherrschte mehrere Sprachen, darunter Französisch, Englisch und Flämisch. Diese Fähigkeiten sollten später eine zentrale Rolle in ihrem Widerstandseinsatz spielen.
Mit dem Beginn ihrer Studienzeit zog Maria nach Brüssel, wo sie sich weiter akademisch und sprachlich qualifizierte und zugleich beruflich Fuß fasste. Um 1940 arbeitete sie in der Industrie, unter anderem in der Fabrik S.A. Roussel-Van Geel in Sint-Pieters-Leeuw. Diese Tätigkeit führte sie in ein Umfeld, das während der deutschen Besatzung zunehmend in die Kriegswirtschaft eingebunden war. Parallel dazu begann ihr aktives Wirken im Untergrund.
Nach dem deutschen Überfall und der Besetzung Belgiens schloss sich Maria der Widerstandsorganisation „Les Amis de Charles“ an, einem Netzwerk, das mit dem belgischen Militärnachrichtendienst sowie der Exilregierung in London verbunden war. Innerhalb dieser Struktur übernahm sie Aufgaben von hoher Bedeutung im Bereich der Informationsbeschaffung und Kontaktvermittlung. Ihre Sprachkenntnisse, ihre beruflichen Zugänge und ihre soziale Unauffälligkeit machten sie zu einer wertvollen Verbindungsperson zwischen unterschiedlichen Akteuren.
Maria Kreuels nutzte ihre Position in Brüssel gezielt zur Sammlung und Weitergabe militärisch relevanter Informationen. Sie hatte Kontakte zu Personen im Umfeld der deutschen Militärverwaltung und konnte dadurch Einblicke in Abläufe, Strukturen und Aktivitäten der Besatzungsbehörden gewinnen. Besonders wichtig war ihre Arbeit im Bereich der Aufklärung über Truppenbewegungen sowie über die Nutzung und Infrastruktur deutscher Militärflughäfen. Auch topografische Daten wurden durch sie erfasst und weitergegeben – Informationen, die für den alliierten Nachrichtendienst von erheblicher Bedeutung waren.
Neben ihrer nachrichtendienstlichen Tätigkeit war Maria auch praktisch in der Unterstützung Verfolgter aktiv. Sie half Flüchtlingen und untergetauchten Personen, stellte Kontakte her und bot zeitweise Schutz in ihrem Umfeld. Damit verband sie klassische Spionage- und Informationsarbeit mit unmittelbarer humanitärer Hilfe im besetzten Belgien.
Ihre Aktivitäten waren hochriskant und erforderten ein hohes Maß an Konspiration, Disziplin und persönlicher Entschlossenheit. Zeitzeugenberichte betonen, dass sie trotz der Gefahren konsequent an ihrer Tätigkeit festhielt und sich der Konsequenzen bewusst war. Ihr Handeln war geprägt von der Überzeugung, dass Widerstand gegen Besatzung und Unterdrückung notwendig sei, selbst unter persönlichem Risiko.
Am 17. Oktober 1942 wurde Maria Kreuels von der Geheimen Feldpolizei an ihrem Arbeitsplatz in Brüssel verhaftet und in das Gefängnis Saint-Gilles gebracht. Damit endete ihre aktive Widerstandstätigkeit abrupt. Ihre Verhaftung stand im Zusammenhang mit der Zerschlagung größerer Teile der Organisation „Les Amis de Charles“.
In der anschließenden Haft und während der späteren Deportation blieb sie trotz intensiver Verhöre standhaft und gab keine Informationen über Mitstreiter preis. Diese Haltung wird in Berichten aus dem Umfeld als entscheidender Beitrag dazu gewertet, dass weitere Personen aus dem Netzwerk geschützt werden konnten.
Nach ihrer Deportation 1943 durchlief sie mehrere Haft- und Arbeitsstationen im Deutschen Reich, darunter Essen, das Arbeitslager Mesum und das Zuchthaus Groß-Strelitz. Trotz zunehmender Krankheit und extremer Belastung blieb sie bis zum Ende ihrer Möglichkeiten Teil des Widerstands im Sinne von Verschwiegenheit und Loyalität gegenüber ihren Mitstreitern.
Maria Kreuels starb am 1. September 1945 in Brüssel, kurz nach ihrer Rückkehr aus der Haft und den Kriegswirren, an den Folgen schwerer Krankheit und der erlittenen Belastungen. Ihr Tod markiert das Ende eines Lebens, das vor allem durch aktiven zivilen Widerstand, Informationsarbeit im besetzten Belgien und konsequente Unterstützung des Untergrunds geprägt war. Heute gilt sie als Beispiel für mutigen weiblichen Widerstand im besetzten Europa.
Zum Gedenken an Maria Kreuels 1918-1945
Brief an Maria – Juni 2024
Liebe Maria,
wir, die Schülerinnen und Schüler des Projektes „Gegen das Vergessen“, haben von Deinem kurzen und schweren Lebensweg erfahren.
Schon als Jugendliche, ungefähr in unserem jetzigen Alter, hast Du Dich für die Pfadfinderinnen engagiert.
Du warst sprachbegabt, hast studiert und liebtest die Musik. Mit 21 zog es Dich nach Brüssel und Du begabst Dich in Gefahr für neue Aufgaben.
Die meisten Menschen mit 21 führen ein bequemes, sorgloses Leben, du aber hast selbstlos anderen Menschen im Widerstand geholfen, obwohl Du sicher oft mit Trauer und Angst zu kämpfen hattest.
Mit 24 Jahren wurdest Du dann verhaftet, was eigentlich nur Menschen passiert, die etwas Schlimmes getan haben.
Würdest Du heute leben, könntest Du Deine Leidenschaft als Anwältin, Dolmetscherin oder Musikerin ausleben und Dich so für Gerechtigkeit einsetzen.
Drei Jahre verschleppte man Dich von Gefängnis zu Gefängnis. Als der Krieg endlich vorbei war und Du endlich in die Heimat kamst, bist du nach all dem Leid, das du erfahren musstest und geschwächt durch Krankheit, in Brüssel verstorben.
Wie schön wäre es, wenn Du heute dein Leben nachholen könntest. Dann wärst du vielleicht eine glückliche 27-jährige Frau, hättest einen Partner und Kinder, könnest das Leben einfach genießen.
Mit diesen Gedanken, liebe Maria, möchten wir uns von Dir verabschieden.
Die Schülerinnen und Schüler des ZFP Eupen
Literatur:
Frauen aus der Provinz Lüttich im Widerstand gegen den Nationalsozialismus – Des Résistantes contre le Nazisme en Province de Liège; Zentrum für Ostbelgische Geschichte, Stadtmuseum Eupen, Stiftung Gedenkstätte Deutscher Widerstand.
Gegen das Vergessen – Inspirierende Lebensgeschichten aus Eupen und Umgebung; Zentrum für Förderpädagogik
Quellen:
Bernhard Heeren Kettenis – ein Heimatbuch – Grenzecho Verlag 1977
Heinrich Toussaint – Bittere Erfahrungen – Grenzecho Verlag 1988 (Artikel Prof. Dr. Alfred Minke)
Archiv des Kriegsopferdiensts/Archive des Victimes de la Guerre, Akte Anna Maria Kreuels, AOS-AVG-PPEAD 36530/578








